Rein in die Angst

Im Hochseilgarten von Scheidegg lassen sich innere Widerstände überwinden. Der Abenteuerspielplatz für Erwachsene hat einen therapeutischen Nutzen.

Von Andreas Langen

Wenn du willst, trägt dich das Seil in den Himmel. Ein langes, starkes Seil, das weit nach oben ins Blaue führt und an dem du schwerelos schwingst in weiten, sanften Bögen. Lass' Arme und Beine baumeln, dann spürst du, wie das Körpergewicht über einen Karabiner direkt vor dem Bauch auf das Seil geführt wird. Dieses Flechtwerk aus synthetischen Fasern, zugbelastungsfähig bis zu mehreren Tonnen, kann plötzlich zur Nabelschnur und zum Verbündeten werden, nachdem es vorher zwei Tage lang dein Angstgegner war - ein zittriger Strang über Abgründen im Hochseilgarten.

Der sieht auf den ersten Blick aus wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. In der Mitte erhebt sich eine mächtige Holzsäule, an deren oberem Ende eine große Plattform angebracht ist, wie der Boden für ein geräumiges Baumhaus. Ringsum ein Sechseck aus hohen Pfosten und kreuz und quer dazwischen ein Verhau aus Seilen, Tauen, Schlingen und Stegen.

Karlsson vom Dach müsste sich hier wohl fühlen oder Tommy und Anika und jeder, der kein besonderes Problem mit dem Aufenthalt in luftiger Höhe hat. Denn auf den zweiten Blick ahnt man, welche Überwindung es kosten kann, den Parcours zu absolvieren: Die Hindernisse befinden sich sechseinhalb bis zehn Meter über dem Erdboden.

Dort beginnt alles sehr beschaulich. Der Hochseilgarten Scheidegg liegt idyllisch in der Allgäuer Hügellandschaft inmitten von Wald, Wiesen und Kurkliniken. Die Spätherbstsonne tut ihr Bestes, Mütter auf Erholung schlendern vorbei. Alfred "Fredo" Essenwanger, Diplomsportler und Betreiber der Anlage, weist seine Gäste ein. Heute ist es die Belegschaft einer Münchner Firma, die kürzlich zwei Abteilungen zusammen gelegt hat. Das gemeinsame Wochenende zwischen Himmel und Erde soll das Team enger zusammenbringen. "Eine gute Sache ohne Psycho-Gequatsche", meint einer der beiden Abteilungsleiter. Er ist zum zweiten Mal hier und weiß, dass das Grenzerlebnis auf dem Hochseil vieles verändert, bis hinein in den Büroalltag: "Kein Zweifel, das Klima in der Firma ist anders geworden. Die gegenseitige Hilfsbereitschaft hat spürbar zugenommen." Vielleicht auch, weil sich die Chefs selbst nicht drücken. In einem Alter, in dem andere Herrschaften ihrer Gehaltsklasse höchstens noch den Golfschläger schwingen, zwängen sie sich ins Klettergeschirr.

Unter Fredos Anleitung übt die Gruppe Knoten, dann das gegenseitige Sichern. Dies ist überhaupt das Wichtigste: Abstürzen kann niemand, ein Tag im Hochseilgarten ist nicht gefährlicher als einer in der Fußgängerzone. Trotzdem betont Fredo als Abschluss seiner Einführung: "Das hier ist freiwillig. Wenn es Euch zu viel wird, sagt: Stop!"

Doch daran denkt niemand, als die erste Kletterübung wie eine Gaudi beginnt. Drei Kandidaten müssen eine Art Leiter hoch, deren Sprossen allerdings bis zu zwei Meter voneinander entfernt sind und frei schwebend an Stahlseilen hängen. Schon beim Erklimmen des ersten Balkens gerät das Gestänge ins Schwanken, und sobald sich einer bewegt, verspult's die anderen. Unter lautem Gelächter der Akteure und umstehenden Kollegen schält sich eine erste Erkenntnis heraus: Nur zusammen geht es weiter. Also stimmen die Kletterer ihre Positionen und Manöver aufeinander ab und proben verschiedene Varianten der Räuberleiter.

Langsam ändert sich der Tonfall der Kommunikation. Statt Prusten und Kichern kommen konzentrierte Anweisungen. Je höher der Trupp kraxelt, je ferner der sichere Boden unter den Füßen rückt, desto mehr geht es ans Eingemachte. Unwillkürlich werden die Sätze der Akteure kürzer, ernster, bis die Kletterer schließlich reden wie Lebensberater oder Existenzphilosophen: "Ich kann mich bald nicht mehr halten", "Hast Du mich sicher?", "Du musst mithelfen", "Was passiert, wenn ich jetzt falle?"

Das fragt sich wahrscheinlich jeder, der in der Takelage unterwegs ist; eine bestimmte Gruppe von Besuchern aber tut sich dabei besonders schwer. Denn außer Angestellten, die auf Wunsch ihrer Vorgesetzten antreten, und Leuten, die einfach Lust auf Action haben, kommt regelmäßige Kundschaft aus der benachbarten Panorama-Klinik für psychosomatische Medizin. Chefarzt Chris- tian Peter Dogs verordnet seinen Depressions- und Angstpatienten hochdosierten Stress, gerne in luftiger Höhe. "Das gehört zum Besten, was wir diesen Menschen bieten können", sagt der Mediziner, "die Angstexposition ist das wichtigste therapeutische Mittel." Früher mussten dafür Bergbahnfahrten im Nachbartal herhalten, was zu gewissen Spannungen mit dem eher vierschrötigen Liftpersonal führte. "Die haben uns gehasst", grinst Dogs, "immer diese schweißgebadeten Hysteriker, die den ganzen Betrieb aufhalten, weil sie sich nicht trauen, in die Kabine einzusteigen. Sowas mag der hartgesottene Bergbewohner nicht sonderlich."

Seit der Eröffnung des Hochseilgartens im Spätsommer 2000 hat Dogs das Mittel der Wahl vor der Haustür. Die Resonanz seiner Patienten ist eindeutig: Nur etwa einer von 100 muss wegen akuter Krisen die Übungen abbrechen. Viele aber haben zum ersten Mal nach langer Krankheitsgeschichte ein berauschendes Erfolgserlebnis.

Aus medizinischer Sicht hat der Parcours einige Vorteile: Er zwingt zur Teamarbeit und setzt dadurch eine Gruppendynamik in Gang, die den heilsamen Effekt nochmals steigert. Vor allem aber hat er nicht das Manko vieler traditioneller Angsttherapien, die den Druck auf den Patienten nur schrittweise erhöhen. "Dort oben steigt die Angst nicht allmählich", sagt Dogs und schaut dabei ganz freundlich, "sie überflutet einen."

Der Doktor hat Recht, wie sich oben im Parcours zeigt. An einem der tückischeren Hindernisse etwa muss man freihändig, nur vom Partner gestützt, Schritte über das Hochseil machen. Also auf einer Unterlage, die wackelt und etwa so breit ist wie eine Zigarette, und zwar eine extra schlanke. Ein andere Herausforderung ist die "Coaching Bridge", eine Hängebrücke mit unterschiedlich breiten Lücken zwischen den Planken, zu überschreiten mit verbundenen Augen, angeleitet von einem Partner am Boden. "Unter dem Druck solcher Erfahrungen werden verborgene Konflikte wie von selbst freigelegt", sagt Fredo Essenwanger über die psychologischen Hintergründe seiner Arbeit. Mit erlebnispädagogischen Angeboten aller Art rückt das Team seiner Firma "Bergwolf" unterschwelligen Konstellationen zu Leibe. Und wenn es zwischen den Teilnehmern seiner Programme so richtig knallt, dann können ein bis zwei Stunden mit Diskussionen vergehen, bevor das nächste Hindernis angegangen wird. "Wir sind keine Wunderheiler, aber wir können Erlebnisse hervorrufen, die starke Impulse geben, sozusagen das Eis brechen, wo vorher Starre war."

Starr sind zum Beispiel die Beine vieler Kandidaten bei der allerletzten Übung, der Riesenschaukel. Schaukeln ist ja prima, wäre da nicht jener vertrackte erste Schritt - von einem Brett auf erschreckender Höhe ins Nichts. Wie hatte Doktor Dogs noch gleich gesagt: "Gehe rein in Deine Angst, dann kannst Du sie überwinden." Zähle bis drei, springe, und das Seil trägt dich in den Himmel.

AUSKUNFT: Bergwolf, Königsberger Straße 22, 87439 Kempten/Allgäu, Tel. 0831/5127990, Fax 5127991, E-Mail: info@bergwolf.net

 

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Dokument erstellt am 12.01.2001 um 21:23:13 Uhr
Erscheinungsdatum 13.01.2001